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IDAHIT*

Nichts ahnend kam ich heute aus der Geisteswissenschaftlichen Fakultät, meine Veranstaltungen der Uni gerade zu Ende – da sehe ich mich plötzlich einer Menschenmenge gegenüber stehen.

Auf dem zweiten Blick erkannte ich dann auch Regenbogenflaggen in der Menge und die ganze bunte Vielfalt. Ganz vorne stand ein Wagen von dem RosaLinde Leipzig e.V., ein Verein für alle queeren Menschen.

Sie hielten gerade eine Rede über Asexualität und ich, die eigentlich den ganzen Tag nichts anderes wollte, als endlich nach Hause zu kommen und mich ins Bett zu schmeißen, blieb stehen und hörte zu.

Ich wusste nicht, was heute für ein Tag war und was er bedeutete.
Aber heute vor achtundzwanzig Jahren, am 17.05.1990, beschloss die Weltgesundheitsorganisation, Homosexualität aus ihrem Krankheitskatalog zu streichen.

 

 

 

Und da stand ich nun, sah mich ohne Vorwarnung und ohne Ahnung, was mich erwarten würde, einer Gruppe von Menschen wie mir gegenüber.
Menschen wie mir, die sich selber finden mussten und das auch noch Anderen klar machen mussten; Menschen, die sich täglich Diskriminierung und Homo-, Trans-, Inter- oder sonstigen Feindlichkeiten aussetzen müssen.
Aber wir sind hier und wir sind bunt, wir sind stolz und wir sind, wer wir sind. 

So total unvorbereitet trieb mir das Gefühl der Zugehörigkeit erst einmal Tränen in die Augen.

Und ganz spontan schloss ich mich dann der Demo an. IDAHIT*, wie ich dann mitbekam, stand für „International Day Against Homo-, Inter- & Transhatred“.
Ich hörte mir die Redebeiträge an, ich jubelte mit, ich sang mit, tanzte mit und forderte mit ganzer Kraft mit.

 

 

Nachdem die Demo sich schließlich auf dem Leipziger Marktplatz aufgelöst hat, nachdem wir alle noch Balloons bekommen haben und Fotos für Toleranz gemacht haben, machte ich mich auf den Heimweg.
Ich saß in der Bahn, war etwa drei Stunden später als eigentlich geplant auf dem Weg nach Hause und fühlte mich zufrieden.

Irgendwo zwischen den Menschenmassen konnte ich wieder Frieden mit mir schließen.

Und darum ist Repräsentation so wichtig!

Und darum werde ich auch nicht aufhören, Diskrimination offen zu legen und laut über unsere Rechte zu sprechen. Ich werde Erfahrungen teilen und ich will, das Andere gehört werden, die andere, vielleicht uns unbekannte, Erfahrungen gemacht haben.

Ich werde mich erst zufrieden geben, wenn wir die komplette Gleichberechtigung erreicht haben, ich will keinen Hass, keinen Sexismus mehr sehen.

Ich habe auf dem spontanen Marsch neue Kraft geschöpft.

 

 

Ich lief heute mit erhobenen Kopf, einem zufriedenen Lächeln und mit einem bunten Luftballoon an der Tasche nach Hause;
viel später als ich das eigentlich gewollt hatte, aber dafür umso glücklicher.
Das ist jeden Stress wert.

 

 

Und vergesst nie: Ihr seid nicht allein!

 

 

Eure Jessy

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Sein oder nicht sein

Es ist manchmal schon nicht, leicht jemand zu sein. Aber jemand zu werden, das ist das wirklich Schwierige.

Bei uns lief es immer so: Aufstehen, Schule, Sport, Hausaufgaben. Zwischendurch wird das gemacht, was Mama sagt. Oder gespielt. Manchmal auch letzteres, obwohl man ersteres machen sollte, wenn man besonders mutig war.
Aber was Mama sagt, ist eigentlich Gesetz. Danach kommen die Lehrer, denn die haben natürlich auch immer viel zu sagen. Eigentlich bestimmen diese auch über den Großteil deiner Zeit. Wehren kann man sich nicht, denn sie wollen ja nur das Beste für dich (und genau das Gleiche für hunderte von Schülern zur selben Zeit). Kein Wunder, dass man sich da nicht auf einzelne Kinder konzentrieren kann; so werden wird man nur pauschalisiert und in Reih und Glied aufgestellt. Massenabfertigung.

Von allen Seiten aus wird man immer bevormundet; man bekommt vorgesetzt, was die anderen Generationen getan haben und wie schlecht die eigene doch ist. Überall Sendungen, Werbung; das Neueste hier und das Beste da. Heteros hier und immer auch dort. Und wenn du dann aus der Norm fällst, hast du den Salat.

Was denn dann? Normal ist das, was einem ständig vorgebetet wird, was in der Gesellschaft akzeptiert wird, was halt einfach so ist. Und dann kommst du, gerade noch Kind und interessierst dich für die falschen Dinge: Chance verspielt.

Dann kommst du und dir fällt das eigene Geschlecht viel mehr auf als das andere. Aber das ist doch anders? Du bist wohl anders? Du bist wohl falsch?

Leistungsdruck, Selbstfindung. Niemand weiß, was er will und dann ist man plötzlich 18 – und auf sich selbst gestellt. „Du bist immerhin alt genug“, heißt es dann, obwohl du nie gelernt hast, was alt-genug-sein heißt.

Und du weißt noch nicht wer du bist, aber du musst sein. Aber wie bist du, wenn du dich nicht definiert hast? Du läufst mit der Masse, schlechte Angewohnheiten, Gruppenzwang. Andere setzen die Norm.

Das ist das Problem in der Gesellschaft. Wenn wir uns nicht selbst finden, legen andere fest, was normal ist und plötzlich bist du nicht mehr normal. Wie kommst du mit dir selber klar, wenn du anders bist? Das geht nicht einfach so, sondern ist ein Prozess; kräftezehrend musst du dich selber akzeptieren und wenn du endlich an dem Punkt bist, wo du sich verstehst, dich damit abfindest und dich selbst kennst – dich selbst akzeptierst – kommt ein Anderer und du wirst wieder mit dir selber konfrontiert – weil die, die sich selbst nicht gefunden haben, sich immer mehr mit dir beschäftigen werden, als mit sich selbst.

Am besten machen sie dabei deine ganze Arbeit gleich wieder mit kaputt.

 

Jugendliche können grausam sein, wenn sie nicht wissen, was sie sonst sein sollen. Und jeder erfährt das mal an seiner eigenen Haut.

Jetzt könnt ihr euch fragen: Habt ihr es geschafft, euch selbst zu akzeptieren? Denn alle weichen doch irgendwie von der Norm ab, vielleicht habt ihr das nur noch nicht entdeckt.

 

Ich kann da nur eins sagen: Viel Spaß im Leben.
Lernt und lebt eure Widrigkeiten!

Ihr sollt werden und sein! Nicht nicht-sein! Das steht außer Frage.