Mein Ein und Alles – Gabriel Tallent

Dieser Beiträg enthält Werbung, da Verlage und Plattformen verlinkt wurden. Das Buch wurde außerdem als Rezensionsexemplar vom Bloggerportal Randomhouse gestellt.


Inhaltswarnungen: Erwähnung von Misshandlung, Vergewaltigung, Gewalt und Suizidgedanken; Verwendung obszöner Sprache und Misogynie.


„Mein Ein und Alles“ von Gabriel Tallent erschien im September 2018 im Pinguin Verlag. Darin geht es um Julia Alveston, auch Turtle genannt, und wie sie in ihrer Umgebung überlebt. Ich hab an diesem Buch jede Menge zu meckern, und trotzdem ist es mir in ehrfürchtiger Erinnerung geblieben – hier könnt ihr lesen, wieso.

„Turtle Alveston ist eine der unvergesslichsten Heldinnen der jüngeren Literatur. Die 14-Jährige wächst weltabgeschieden in den nordkalifornischen Wäldern auf, wo sie jede Pflanze und jede Kreatur kennt. Auf ihren tagelangen Streifzügen in der Natur sucht sie Zuflucht vor der besitzergreifenden Liebe ihres ebenso charismatischen wie obsessiven Vaters Martin. Erst als sie Jacob, einen Jungen aus ihrer Schule, näher kennenlernt und wahre Freundschaft erfährt, beginnt sie sich langsam aus seinen Klauen zu lösen. Aber Martin kann und will seine Tochter nicht loslassen. Es beginnt ein Kampf auf Leben und Tod.“

Bereits auf den ersten Seiten zeichnet sich ab, wie Turtle lebt: abgeschieden, in einem heruntergekommenen Haus, alleine mit ihrem Vater. Ihr Großvater wohnt in einem verwahrlosten Wohnwagen auf ihrem Grundstück, aber im Haus lässt er sich nicht oft blicken. Waffen begleiten sie auf Schritt und Tritt, so hat sie doch noch vor dem Lesen das Schießen gelernt. Sie hat Probleme in der Schule, Probleme mit ihrem Selbstvertrauen, aber ihre Pistole kann sie mit geschlossenen Augen zerlegen und wieder zusammensetzen.

An Turtles Gedankengängen kann man auch erkennen, was zuhause als normaler Umgangston gilt; ihre Lehrerin, Mitschüler*innen oder sogar sich selbst, bezeichnet sie als Luder, Fotze oder Ritze. Die Misogynie Turtles sitzt tief:

„Sie denkt: Du Luder, du Nutte. […] Turtle kennt das schon. Frauen sind am Ende immer Fotzen. Ganz egal, wie es anfängt.“ (S. 115)

Das bessert sich auch im Laufe des Romans nicht wirklich; wie denn auch? Verschiedene Leute vermuten, dass bei Turtle zuhause irgendetwas nicht stimmt, zum Beispiel auch ihre Lehrerin Anna, aber unternehmen tut keiner etwas.

„Ich habe noch nie eine Frau getroffen, die ich mochte, […] ich werde immer direkt und hart und gefährlich sein und keine raffinierte, lächelnde, tricksende Fotze wie du.“ (S. 117)

Wir erleben mit Turtle, wie sie sich in den Wäldern auf Streifzug begibt, ohne einen bestimmten Grund zu haben – im Endeffekt weiß sie, dass es nur Ärger geben wird, aber sie braucht einen Grund, ihren Vater Martin weiter zu hassen, und vielleicht will sie auch testen, ob er sie finden könnte, wenn es hart auf hart kommt.
Auf einen dieser Streifzüge lernt sie auch Jacob und Brett kennen, die sich verlaufen haben. Sie beobachtet die beiden eine Zeit lang, und gibt sich am Ende doch zu erkennen und hilft den Jungs.

Das bringt das Rad schließlich zum Drehen, denn ihr Vater lässt niemanden außer sich selbst an Turtles Seite stehen. Er will sie für sich, fragt sie immer wieder, ob sie noch „Nur seins“ ist, und vergewaltigt sie regelmäßig.
Als er eines Tages ein T-Shirt von Jacob findet, rastet er vollkommen aus und prügelt sie grün und blau.
Turtles Großvater sieht ihre Blutergüsse und er versucht, Martin zur Rede zu stellen, mit ungeahnten Folgen.

Später verschwindet Martin, und Turtle muss alleine im Haus klar kommen. Sie verbringt den Sommer mit Jacob und Brett, und sie beginnt, mehr für Jacob zu fühlen.
Als Martin dann jedoch wieder auftaucht und ein Mädchen namens Cayenne mitbringt, muss Turtle sich entscheiden, was sie tun soll, und wie sie mit sich leben kann.

 

Wie ich schon erwähnt habe, macht das Buch es mir sehr schwer.
Einerseits gibt es viele Sachen, die ich zu bemängeln habe, andererseits hat die Geschichte mich doch irgendwo abgeholt. Vielleicht fangen wir einfach mit den Mängeln an, oder?

Als erstes möchte ich eins klar stellen: Das war ein hartes Buch. Hart zu lesen, schwer zu verdauen und noch schwerer nachzuvollziehen, wenn man nicht selber solche Situationen kennt. Ich habe nichts gegen diese Art Bücher, ich finde sie sogar wichtig, um in Frage zu stellen, was man kennt und seinen eigenen Horizont zur Not auch mit Gewalt zu erweitern.
Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob das hier so hundertprozentig verwirklicht wurde. Natürlich schockt das Buch, das meine ich auch gar nicht; aber wir reden hier von einem cis-männlichen Autor, der das Leben und die Gedanken eines pubertierenden Mädchens darstellt.

Ich bin mehrmals darüber gestolpert, wie sich Turtle in Gedanken selbst sexualisiert, auch kurz nach Vergewaltigungsszenen, und da musste ich schon schlucken. Öfter habe ich Tallent die Darstellung von Turtle nicht ganz abgenommen. Ich habe gelesen, dass er mit Jugendlichen gearbeitet hat, aber trotzdem frage ich mich, inwiefern er das hier richtig beurteilen kann.

Da wäre ich auch schon wieder beim nächsten Punkt: Es gibt keinerlei Triggerwarnungen, oder auch Inhaltswarnungen, für den Roman. Anhand der Inhaltsangabe oder Kurzbeschreibung konnte man nicht erahnen, wie explizit über die bestimmten Themen geschrieben wurde. Als Betroffene*r würde man hier einfach reinstolpern. (Und ja, ich bin davon überzeugt, dass Triggerwarnungen notwendig und richtig sind. Nein, sie spoilern nicht. Aber dazu haben schon andere Leute bessere Beiträge geschrieben.)

Seltsam fand ich auch die Gespräche zwischen den Figuren. Wer redet denn in Wirklichkeit so hochgetraben? Vielleicht Professor*innen, aber keine Teenager, zumindestens nicht privat und mit Freunden. Die Dialoge wurden teilweise so zugespitzt, dass Turtle selber nicht mehr wirklich verstand, worum es ging. Zugegebenermaßen konnte man darüber dann auch schmunzeln, weil die Jungs ihr bestes gaben, um Turtle mit einzubeziehen. Aber auch Martin hat mit seinen Erklärungen und Selbstgesprächen darüber, wie schlecht die Welt ist, mehr als einmal eine komplette Seite gefüllt.

Ansonsten schreibt Tallent sehr poetisch, was ich nicht unbedingt als negativ empfand, aber manchmal fanden seine Sätze kein Ende und man hat als Leser*in den Faden verloren. Ausholende Naturbeschreibungen waren ansonsten schön zu lesen, und haben gut zu der Geschichte gepasst.

Naja, dann bin ich wohl auch schon bei der guten Seite angelangt.
Turtle liebt ihren Vater, und sie hasst ihn. Ihre Geschichte zeigt, wie Betroffene sich an Gegebenheiten gewöhnen, sie verinnerlichen, und auch als selbstverständlich hinnehmen.
Entgegen aller meiner Erwartungen ist es eigentlich nicht Jacob, der Turtle dazu bewegt, etwas gegen ihren Vater zu tun, sondern schlussendlich Cayenne. Auch wenn Jacob durchaus den Stein ins Rollen bringt, und ihr Sachen aufzeigt, die bei ihr nicht normal laufen, ist es am Ende doch das Mädchen, das neu zu der Familie hinzustößt. Turtle kann sie am Anfang nicht ausstehen, aber dann sieht sie sich selber in ihr. Sie verspricht ihr, sie zu beschützen. Und als sie mitbekommt, wie ihr Vater sich an Cayenne vergehen will, wie er es jahrelang bei ihr getan hat, muss sie entscheiden, ob sie mit sich leben könnte, wenn sie nichts unternimmt.

 

Als Fazit würde ich sagen, dass man das Buch schon lesen kann; bei mir hat es Eindruck hinterlassen, was aber an der krassen Schilderung liegen kann. Tatsächlich hab ich beim Lesen immer mal wieder Pausen zwischendurch gemacht, um das Geschriebene erst einmal zu verdauen.

Wer neugierig ist – lest es ruhig. Euch wird gezeigt, wie fatal Liebe sein kann; und was alles fälschlicherweise als Liebe bezeichnet wird.
Wer leicht getriggert werden kann, und sich auch sonst nicht unbedingt mit dem Thema auseinandersetzen möchte, sollte das Buch lieber Buch sein lassen.

Den ausgezeichneten Bewertungen würde ich mich hier nicht anschließen, aber entscheidet (wenn möglich) doch einfach selbst.

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Ein Gedanke zu „Mein Ein und Alles – Gabriel Tallent“

  1. Eine spannende Rezension! Ich habe selbst auch sehr gespaltene Meinungen zu solchen Büchern und lese aus Angst vor Triggern dann oft nur die Rezensionen als Überblicke, wie mit solchen Themen umgegangen wird.
    Ich finde cool, wie du auf die verschiedenen Schwerpunkte und Sichtweisen und dann auf den Ton des Autors eingegangen bist (und ja, der klingt echt etwas schwierig).
    Danke, dass du darauf aufmerksam machst!

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