Gegen den Strom

Ich stelle mich auf den Startblock und positioniere mich. Tief ein- und ausatmend zupfe ich meine Schwimmbrille zurecht. Dann sammle ich meine Kraft, stoße mich ab und gleite in die nasse Ruhe.

Gegen den Strom – anders als alle anderen.

Ich lasse mich unter Wasser treiben und genieße die Stille. Hier unten haben meine Gedanken freien Lauf, aber leider nur begrenzt. Irgendwann muss ich wieder auftauchen.

Was fällt euch als erstes ein, wenn ihr  ‚Gegen den Strom‘ hört?

Ruhig lasse ich meinen Arm nach vorne schnellen und hole Luft. Freistil. Es entspannt mich am Meisten, ist aber auf Dauer auch am anstrengendsten.

Denkt ihr an das Mädchen, das sich anders kleidet, einfach einen eigenen Style hat, statt nur dieselben ‚coolen‘ Marken zu tragen?
Denkt ihr an Personen, die sich von oben bis unten tätowieren lassen?
Denkt ihr an Leute, die das Gleiche Geschlecht lieben und sich nicht dafür schämen?
Denkt ihr an Menschen, die ihre Meinung vertreten, egal was alle anderen darüber denken?
Oder denkt ihr an Feminist*innen, die endlich Gerechtigkeit in der Welt schaffen wollen?

Ich bin am Ende der Bahn angelangt und mache unter Wasser eine Rolle, um mich wieder abstoßen zu können. Dabei wird mir die Luft ziemlich knapp und ich beeile mich, wieder an die Oberfläche zu kommen.

Habt ihr selbst schon einmal probiert, gegen den Strom zu schwimmen?

Anders als die Anderen zu sein? Das ist nicht so einfach, wie es in Filmen aussieht, oder? Es ist nicht leicht, gegen den Strom anzukommen, gegen ihn anzukämpfen und sich nicht wieder mit ihm mittreiben zu lassen. Aber am Ende scheint es sich immer zu lohnen. Wenn man nie aufgibt, erreicht man schließlich irgendwann die Quelle. Und dort kann man vieles verändern.

Hier im Wasser kann ich alles vergessen und nachdenken. Es ist so ruhig. Niemand sagt einem, was richtig und was falsch ist. Ich denke, deswegen heißt es auch gegen den Strom schwimmen.

Aber… Welchen Strom gibt es denn heute noch?

Es gibt heutzutage so viele Möglichkeiten für jeden, der sich nicht wohl in seiner Haut fühlt. Egal ob man Hetero-, Bi-, Trans-, Pan- oder Asexuell ist, man hat immer Leute, die einen akzeptieren. Es stehen immer mehr Leute zu sich und die Menschen werden immer individueller. Jeder ist anders und heute kann ich das auch bestätigen. Es gibt einen neuen Strom – er ist bunt, und ich bete, dass er die Kraft behält, weiterzuschwimmen.

Ich ziehe meine Runden, langsam wird es anstrengend, aber ich lasse mich davon nicht abhalten.

Naja, vielleicht doch nicht jeder. Es gibt immer die Personen, die niemanden akzeptieren, der ein wenig anders ist oder aussieht oder fühlt.  Die, die nicht akzeptieren wollen, dass die Gesellschaft sich verändert und offener wird. Was dich anders macht, macht dich gefährlich.

Demnach ist es doch nur noch ein einziger Strom, gegen den die halbe Welt schwimmt und das auf Millionen verschiedenen Wegen. Der einzige Strom ist der, der alles ablehnt. Die anderen sind einzigartig.

Meine Arme werden langsam schwer und auch meine Beine arbeiten nicht mehr hundertprozentig.  Aber grade dieses Gefühl vom langsamen Müde werden lässt mich immer weiter meine Bahnen ziehen. Es lässt mich weiterkämpfen und ich weiß, es wird sich bezahlt machen. Ich werde immer besser.

Ein paar vom Strom denken vielleicht, sie schwimmen dagegen und sind besonders, aber sie sind es nicht. Gegen den Strom zu schwimmen bedeutet nicht, an einer Kreuzung zu warten, bis die Ampel rot wird und dann erst rüber zulaufen.

Ich schlage an der Wand an und schnappe nach Luft. Für einen Moment verharre ich noch so und genieße die verliebene Ruhe. Dann ist der Augenblick vorbei, einfach vorbeigezogen und ich nehme den Lärm des Schwimmbads wahr. Ich setze meine Brille ab und reiße mir meine Badekappe vom Kopf.

Habt ihr schon einmal versucht gegen den Strom zu schwimmen?

Ich hieve mich aus dem Wasser und greife nach meinem Handtuch. Verwirrt sehe ich, dass zwei Stunden vergangen sind, seit ich hier bin.

Es ist nicht leicht, gegen den Strom anzukommen und sich nicht wieder mit ihm mittreiben zu lassen. Aber am Ende scheint es sich immer zu lohnen.

Gegen den Strom schwimmen… Davon gibt es so viele tolle Geschichten – wir müssen nur zuhören.

Es ist anstrengend, aber man kann etwas verändern. Man muss sich nur trauen zu kämpfen, zu schwimmen.

Und ich bin eine Schwimmerin. Kommt ihr mit?

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