Albtraum #1: Das Nichts

Ich weiß nicht genau, woher sie kommen. Oder wie lange ich sie schon genau habe. Fest steht nur, dass ich verschiedene Albträume seit einiger Zeit habe und ich kaum noch schlafe – denn es fühlt sich an, als wäre ich in einem fremden Leben gefangen.
Oder vielleicht ist es nicht fremd, denn alles scheint vertraut, vielleicht ist es nur vergangen; real passiert, in einem anderen Leben?
In einem meiner vorherigen Leben? Steile These, ich weiß.

So intensiv, wie diese Träume mich plagen, ist es mir fast egal, woher sie eigentlich kommen – ich will nur, dass sie endlich verschwinden.
Ich werde sie aufschreiben, um sie mir noch einmal vor Augen zu führen und sie (hoffentlich) schlussendlich verarbeiten zu können. Hier könnt ihr von ihnen lesen.
Das Schreiben ist mein einziges Ventil.


 

In diesem Traum existiere ich in völliger Dunkelheit.
Ich denke zumindest, dass ich existiere – ich kann meinen Körper nicht spüren, vielleicht schwebe ich nur; ich fühle nichts. In dieser Dunkelheit ist nichts. Wenn ich denn bin, bin ich allein.
Nicht einmal meine Gedanken können mich von diesem Ort wegbringen. Normalerweise kann ich meine Träume steuern, ich träume meine eigenen Geschichten. Und ich bin mir sicher, zu wissen, wie Menschen und Dinge aussehen. Eine Jacke. Eine Uhr. Ein Schuh.
Aber wenn ich sie mir vorstelle, sehe ich nichts. Sollten da nicht Bilder sein? Sollte da nicht irgendwas sein? Was ist ein Schuh? Nur ein Wort. Und diese Wörter sind nur eine Reihe von Buchstaben, die keine Grundlage, keine Bedeutung haben. Ich kann mich nicht daran erinnern, woher ich das weiß. Wie kann ich mir sicher sein, dass es Sachen gibt?

Ich bin gefangen im Nichts. Oder bin ich das Nichts? Mein Herzschlag ist da, kräftig und unfassbar laut, und er kommt aus allen Richtungen. Was bin ich, wo fange ich an und wo hört das Nichts auf? Das Herz schlägt, ist es wirklich meins, bin ich da? Löse ich mich auf?
Die Einsamkeit verschlingt mich und spuckt mich nicht mehr aus, und ich komme nicht umhin, mich zu fragen, warum ich alleine bin. Ich fühle mich paradoxerweise schwer, als würde ich das Universum füllen müssen und als könnte ich dafür nichts bieten.

Ich kann nicht umher wandern, um einen Ausweg zu finden; ich bleibe an Ort und Stelle und bewege mich nicht fort. Oder wabere ich wie Nebel durch die Gegend? Was macht es schon für einen Unterschied?
Die Ausweglosigkeit raubt mir den Atem, das Herz dröhnt, die Einsamkeit siegt.

So verbringe ich die Nacht, Stunde um Stunde, und die Zeit scheint nicht zu vergehen. Mein ganz eigenes Gefängnis irgendwo, nirgendwo, überall.

 

Am nächsten Morgen erwache ich kraftlos, geblendet von dem Alles, was mich umgibt und mit einem Gefühl im Magen, das nur schwer zu beschreiben ist. Ich fühle mich, als hätte ich nicht geschlafen. Für eine kurze Zeit bin ich wie gelähmt, als wäre ich im Kopf immer noch in dieser Ewigkeit gefangen.
Und das ist wohl auch das Schlimme daran. Wer sagt mir, dass das Nichts nicht in meinem Kopf war? Dass es mich immer begleitet?

Die Einsamkeit haftet mir den ganzen Tag an den Knochen, bis sie im Traum wieder verschwinden, und ich nicht bin.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.