Das Gedankenspiel

Gefühle auszutauschen – das war der neuste Trend hier in der Gegend.
Ein Handschlag, einmal tief in die Augen schauen und wenn sich dann beide öffneten, ja, dann konnten sie fühlen, was der Andere fühlte.

Es war ein lustiges Spiel;
zwischen Kindern, die ihre eigene Freude und ihr Glück doppelt so intensiv spüren konnten und sich damit unsagbar glücklich fühlten,
zwischen Teenagern, die sich gegenseitig Mut machen konnten,
oder auch zwischen Verliebten, die einen neuen Weg gefunden hatten, um sich ihre Liebe zu beweisen.

In diesem kleinen Dorf war das nicht nur der neueste Trend, sondern es wurde auch die normale Umgangsform. Wie sonst konnte man beweisen, dass es einem ernst war mit dem „Ich freue mich für dich!“ oder dem „Schön dich zu sehen!“?
Schon bald wurden bei jeder Gelegenheit die Gefühle ausgetauscht – die Menschheit hatte die Wahrheit gefunden, die keine Lüge mehr zu ließ.
Und obwohl sich nun alle bestens kannten, kannte sich selbst keiner mehr.

Eine Masse an Gefühlen traf jeden, der am normalen Leben teilnahm. Jeder einzelne wurde überflutet und am Ende konnte sich niemand mehr sicher sein, was denn nun eigentlich die eigenen, und was fremde Emotionen waren.
Die Menschen in dem Dorf sind zu einer Masse geworden; klar, sie sind ehrlich und glücklich und vielleicht auch friedlich, aber Individuen? Wirkliche Individuen sind sie nicht mehr, haben keine eigenen Gedanken und keine eigenen Gefühle, sondern nur die, die sie haben sollen, einfach, weil sie jeder hat.
Sie verschmolzen ineinander.

Eine einzige Ausnahme gab es in der Gegend allerdings – ein Mädchen, das anscheinend kein Bedürfnis nach Zugehörigkeit, nach Gemeinsamkeit und Vertrauen hatte – oder so dachten jedenfalls die Leute.
Kaum jemand sprach über sie, so gehörte sie doch hier nicht wirklich dazu, wer wusste schon, was sie hier wirklich wollte? Wer wusste, ob sie hier mit ihnen sein wollte und hier glücklich war, oder wie sie über ihre Nachbarn dachte?
Nein, niemand konnte sie verstehen und deswegen auch nicht teilhaben lassen.

Die wenigen ihrer Freunde dagegen, dachten, so waren sie sich einig, dass sie die glücklichste Person von allen und nur zu geizig zum Teilen war. Sie hatte immer das breiteste Lächeln im Gesicht und lachte immer am lautesten.
Schließlich kam das auch beim Rest der Masse an, denn hier konnte nichts verborgen bleiben – und plötzlich interessierten sich die Leute für das Mädchen.

„Was fühlst du?“, verlangten sie zu wissen. „Wieso willst du denn nicht mit uns teilen?“

Das Mädchen versuchte weiter ihr Leben zu leben, die Aufforderungen zu ignorieren, aber wenn die Masse einmal etwas aufgenommen hatte, konnte sie nicht mehr loslassen. Eine Idee waberte von einem Kopf in den nächsten und konnte so niemals wieder verschwinden.

Es war unmöglich, allein zu sein, wenn eine Masse einen umgibt. Schließlich wurde es dem Mädchen dann zu viel, sie hatte genug.
„Ihr wollt wissen, was ich fühle?“, rief sie, „Bitte, hier. Fühlt, was ich fühle.“

Sie schaute der Masse in die Augen und die Masse schrie.

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3 Kommentare zu „Das Gedankenspiel“

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